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Thomas Weyr spricht über sein Buch Die ferne Stadt

Thomas Weyrs großes Erinnerungsbuch Die ferne Stadt schildert Wien von den 1920er-Jahren bis in die Sechziger, zeigt den Kinderblick von innen und den sehnsüchtigen Blick von außen auf eine Stadt, ein Land, eine Gesellschaft im Wandel. Merle Rüdisser hat den Autor befragt.
Was hat Sie dazu gebracht, was war der Anlass, dieses Buch zu schreiben? Warum wollten Sie Ihre Lebensgeschichte (und die vieler, vieler Wegbegleiter) aufschreiben und veröffentlichen?

Ich habe schon jahrelang über mein zerrissenes Verhältnis zu Wien sinniert, und es schien mir, ein Buch könnte dazu beitragen, mir selbst dieses Verhältnis zu erklären, sowie dazu, die Hitlerzeit zu verstehen, wie es so weit gekommen ist und wie das Wien der Nachkriegszeit mit diesem Erbe umgegangen ist.
Der geistige Ursprung dieses Sinnierens dürfte auf eine Frage zurückgehen, die mir der Vater meines Freundes Arthur Radinger Anfang der Fünfzigerjahre in London stellte: „Wie kann man nach Wien zurückkehren?“ Es war sein gutes Recht, diese Frage zu stellen: 1938 wurde der wohlhabende Wiener Apotheker nach Dachau verfrachtet. Als er freikam, waren Frau und Sohn in London. Er bekam kein englisches Visum und landete in Schanghai, wo er den Krieg verbrachte, um nach 1945 seine Familie in London wiederzufinden – und nicht im Traum daran zu denken, in die Hölle seiner Vergangenheit zurückzukehren.
Diese Frage stellten sich viele Emigranten nach 1945, und viele beantworteten sie negativ. Darunter waren Freunde und Bekannte meiner Eltern, etwa der Architekt Hans Rosenberg und die Ärzte Leo Gottesmann und Kurt Lederer. Alle drei waren in Dachau, haben dieses Erlebnis nie überwunden und ihrer Vaterstadt nie verziehen.
Anders mein Vater. Er hatte nur ein Ziel: nach dem Krieg so rasch als möglich nach Wien zurückzukehren. Und er hat mich und meine Mutter überredet, das Gleiche zu tun. Obwohl es mir damals nicht bewusst war, habe ich mir früh dieselbe Frage gestellt wie Vater Radinger in London. Und ehrlich gesagt, ich habe nie eine überzeugende Antwort gefunden. Mein Buch war ein Versuch einer Antwort und ein Versuch, eine Zeit wieder lebendig werden zu lassen, die aus dem Gedächtnis der Gegenwart längst verschwunden ist. Kein Wunder in dieser so schnelllebigen Zeit; man hat mir unlängst erzählt, dass heute Zwanzigjährige in Bukarest keine Ahnung mehr haben, wer Nicolae Ceaușescu war.

Wie – außer in Ihrem Gedächtnis – haben Sie recherchiert?

Die ergiebigste Quelle war das Tagebuch meines Vaters. 1922 hat ihm ein Freund ein in Leder gebundenes Buch mit Metallschloss und goldgerahmten weißen Seiten geschenkt. Er hat vieles hineingeschrieben, aber auch alle möglichen Dinge hineingeklebt – wertlos gewordene Kronenscheine, Volksschulaufsätze von mir, Briefe seiner Mutter, Bilder, die er gemalt hat, Gedichte wie etwa ein langes Karl-Kraus-Gedicht über das Wien der Inflationsjahre. Seine 1947 und 1948 aus Wien geschriebenen Briefe waren eine andere sehr ergiebige Quelle.
Ich führte lange Gespräche mit meiner Kusine Amalia Merdinger, die mir sehr viel aus unserer Familiengeschichte erzählte. Sie gab mir die erschütternde Postkarte, die ihr Bruder Max aus Auschwitz an seine Eltern geschrieben hatte. Was im Buch nicht vorkommt: Seine Gattin hatte Max nach
Auschwitz gebracht, weil er ihr zu oft fremdging. Ehebruch mit Auschwitz bestraft!
Für mein 2005 erschienenes Buch The Setting of the Pearl – Vienna under Hitler (Die Fassung der Perle – Wien unter Hitler) habe ich Interviews gemacht mit Wienern, die diese Zeit durchlebten, darunter Fritz Molden, Adolf Holl, die Spiegel-Korrespondentin Inge Cyrus, der Maler Rudolf Hausner, der Regisseur Michael Kehlmann, der Pianist Hanns Kann, der Bankier Heinrich Treichl und der Schriftsteller Milo Dor. Alle haben mein Wien-Bild erweitert und bereichert.

Das Buch erstreckt sich von Ihren Großeltern in der k.u.k.-Monarchie und der Jugend Ihrer Eltern über die Emigration nach England 1938, den Krieg, Ihr Leben in London und New York, 1948 die Rückkehr nach Wien, Ihre Studien, die Anfänge als Journalist in den 1950er-Jahren bis zum Tod Ihres Vaters 1963. Wie lange haben Sie daran geschrieben? Wie hat sich das Schreiben gestaltet?

Die ersten zweihundert Seiten habe ich 2006 und 2007 geschrieben. 2007 dürfte ich diese erste Niederschrift Wendelin Schmidt-Dengler gezeigt haben, der mit einer meiner Merdinger Kusinen verheiratet war und mich sehr unterstützte. Er fand das Manuskript flott geschrieben, ich solle nur weitermachen. Leider starb Wendelin im Herbst 2008, mit ihm verlor ich eine wichtige Stütze meiner Arbeit. Um 2010 war eine erste, mit 611 Seiten viel zu lange Niederschrift fertig.
Der Schreibprozess hat mich fasziniert, da ich noch nie ein Buch auf Deutsch geschrieben habe – Journalistisches natürlich schon, aber ein Buch ist doch etwas ganz anderes. Ich fand das Schreiben befreiend; es war das erste Mal, dass ich meine Gefühle und Erfahrungen in die Sprache kleiden konnte, in der ich sie tatsächlich erlebt hatte.
Sprache kann das, denn – so meine Meinung – Sprache ist der wichtigste Ausdruck der Persönlichkeit, umso mehr, da sich die Persönlichkeit ändert, wenn man wie ich in zwei Sprachen aufgewachsen ist. Der Tommy Weyr, der Deutsch spricht, ist ein anderer Mensch als der Tom Weyr, der auf Englisch schreibt und denkt.

In Die ferne Stadt haben Sie auch Dokumente wie Briefe und Tagebücher verwendet – war Ihnen der dokumentarische Aspekt dabei wichtig? Ging es um Authentizität? Um Subjektivität?

Es ging mir schlicht um das, was die Tagebücher und Briefe über mich und mein Leben zu sagen hatten. Vieles hatte ich vergessen, vieles nie gewusst. Dass mich meine Eltern liebten, war mir schon klar, aber nicht, wie sehr und warum. Das ist aus den Tagebüchern und Briefen klar zu ersehen.

Es heißt, Leser suchen in Romanen nach Stellen, die autobiografisch sind, und in Autobiografien das, was erfunden ist. Wo würden Sie Ihr Buch einordnen? Wie viel Fiktion steckt in Die ferne Stadt?

Ich habe versucht, das Buch so ehrlich wie möglich zu gestalten. Wahrscheinlich ist mir dabei etwas Fiktion hineingerutscht, denn die Erinnerung ist oft dünn wie ein Spinnfaden. Aber bewusst erfunden habe ich – so glaube ich wenigstens – nichts.

Ehrlichkeit ist ein hervorstechendes Merkmal Ihres Buches – es wird nichts beschönigt, nichts romantisiert, Sie schreiben beispielsweise offen darüber, als Kind leicht käuflich gewesen zu sein oder onaniert zu haben. Was bedeutet Ihnen diese Ehrlichkeit?

Ich wollte nicht nur meine Lebensgeschichte mit Bezug zu Wien schreiben, sondern auch ein Bild der Zeit vermitteln. So wurde der Oberlehrer Josef Hörl, der mich wegen meiner „Unkeuschheit“ demütigte, später für mich ein Sinnbild des Ständestaates, der die Weltoffenheit des roten und des jüdischen Wien zu zerstören versuchte, auch wenn es ihm nicht so vollständig gelang wie vier Jahre später dem Herrn Hitler. Mich selbst zu verschönern liegt mir einfach nicht. Daher wollte ich ein schonungsloses Bild meines Lebens entwerfen. Das Buch ist ja eine Auseinandersetzung mit mir selbst, und da zu lügen wäre ein Verrat an mir selbst. Den wollte ich nicht begehen. Daher war Ehrlichkeit Trumpf.
Vielen Dank für das Gespräch.

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Wie durch ein Kaleidoskop schaut man in Thomas Weyrs Die ferne Stadt in ein Wien und ein Österreich, an das sich viele nicht mehr erinnern können, andere nicht mehr erinnern wollen. Thomas Weyr, der nach wie vor zweimal im Jahr zwischen den USA und Österreich pendelt, hat als jahrzehntelanger Exilant genau jenen unbestechlichen Blick auf Österreich, der den Daheimgebliebenen und Nachgeborenen fehlt.