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Erwin Uhrmann über die neue Lyrikreihe im Limbus Verlag

Ein Interview mit dem neuen Herausgeber der Lyrikreihe
Von Bernd Schuchter
Wird viel Lyrik geschrieben?

Geschrieben wird viel, es könnte aber noch viel mehr sein. Ich denke, dass viel mehr Lyrik entstehen würde, wenn auch mehr publiziert werden würde. Ich habe viele Gespräche mit Autorenkolleginnen und -kollegen geführt, die Lyrik schreiben. Tatsache ist, dass es kaum Möglichkeiten zur Veröffentlichung gibt. Lyrik wird in Österreich nicht in konsequenter Weise publiziert.

Wo genau liegt das Problem? Ist Lyrik unattraktiv und nicht mehr zeitgemäß?

Vor einigen Jahren führte ich ein Gespräch mit einem Lektor. Ich habe ihn gefragt, warum er meint, dass so wenig Lyrik in Österreich publiziert wird. Er hat mir dann erzählt, dass dies Gegenstand einer Lektorinnen- und Lektorenkonferenz gewesen sei. Dort sei man dann zu dem Schluss gekommen, dass es einfach keine Lyrikkompetenz in den Verlagen gebe. Niemand beschäftige sich damit, niemand habe sich in der Lage gesehen, Lyrik zu beurteilen. Mir hat das zu denken gegeben. Wenn schon die Lyrikkompetenz in den meisten Verlagen verloren ist, dann sollte sie von den Autorinnen und Autoren wieder zurückverlangt werden.

Wie steht es um die Lyrikerinnen und Lyriker selbst?

Die gibt es. Man findet sie in Literaturzeitschriften, auf Lyrikfestivals oder auch getarnt als Prosaschriftsteller, die ihre Lyrik noch in der Schublade liegen haben oder vereinzelt etwas veröffentlichen. Ich sage „getarnt“, weil viele Prosatexte derart lyrischen Charakter haben, dass es schwerfällt, eine Trennlinie zu ziehen. Das macht es auch spannend, Lyrik ist ein weites Feld. Deshalb rede ich nicht gerne von Gedichten. Romane, Erzählungen, das sind Formate, die kommerziell geschätzt werden. Die sind aber relativ eng. Lyrik kann vieles sein.

Welchen Stellenwert haben lyrische Texte in der literarischen Arbeit?

Ich mag es gar nicht, wenn Lyrik als „Nebenprodukt“ abgetan wird. Eine Form von Literatur, die neben dem Schreiben von Romanen entsteht, quasi als Ausgleich oder literarisches Versatzstück. Das ist eine Abwertung einer der bedeutendsten literarischen Gattungen. Lyrik hat gerade heute mehr Möglichkeiten als je zuvor.

Ist das ein österreichisches Phänomen?

Leider ja. Gleichzeitig ist das schwer verständlich, angesichts einer ganzen Generation hervorragender Lyrikerinnen und Lyriker in der Nachkriegszeit. In anderen Ländern ist die Lyrik derzeit präsenter. Da geht man in Buchläden und findet Regale voll mit Lyrik – vor allem auch mit zeitgenössischer. In Deutschland gibt es einige Verlage, die sogar darauf spezialisiert sind, aber auch nicht sehr viele. Im Vorjahr hat zum ersten Mal ein Lyriker, Jan Wagner, den Preis der Leipziger Buchmesse mit einem Gedichtband gewonnen. Das zeigt, dass es durchaus möglich ist, mit Lyrik erfolgreich zu sein. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass Verlage nicht nur hin und wieder – und weil Autorinnen und Autoren schon darum betteln – Lyrik publizieren, sondern eigene Lyrikreihen starten.

Wie genau soll das Lyrikprogramm im Limbus Verlag ausgerichtet werden?

In erster Linie soll es offen sein: Lyrik als freie Textform ohne Begrenzungen. Ich mag es nicht, wenn man am Anfang eines Projekts schon viele Einschränkungen macht. Es soll viel Platz für Neues, für das Experiment sein. Natürlich kann auch der Rückgriff auf alte Formen interessant sein, aber ich möchte mich gerne auf die Suche machen nach dem, was derzeit spannend ist, was Lyrik heute sein kann. Und hier sehe ich thematisch und formell keine Grenzen.

Kann das nicht irritieren oder zu Orientierungslosigkeit führen?

Nein. Gerade die Tatsache, dass das Feld nicht abgegrenzt ist, macht es spannend.
Dabei interessieren mich weniger die Moden, die es gerade gibt, sondern starke Einzelpositionen. Es kann spannend sein, ein Konzeptbuch zu machen oder einen Zyklus zu veröffentlichen, je nach Autorin oder Autor. Gerade wenn nicht zu viele Rückgriffe gemacht werden, wenn nicht zu viel Halt in Lyrikklischees gesucht wird, finde ich es am spannendsten.

Du hast bei deinen eigenen Lyrikbüchern immer die Zusammenarbeit mit Künstlern gesucht.

Ich sehe hier eine ideale Möglichkeit der Kooperation, gerade bei Lyrik. So sind meine Lyrikbücher im Dialog mit Künstlern wie Moussa Kone und Julian Tapprich entstanden. Die Künstler haben nie illustriert im engeren Sinne. Sie haben in ihrem künstlerischen Medium gearbeitet und ich in meinem, und das hat aufeinander reagiert, ohne gegenseitige Einmischung. In der Lyrik sehe ich ein großes Potenzial, auf andere Künste zu reagieren – das lässt sich auch sehr schön in Buchform bewerkstelligen. Ich würde mir wünschen, dass die Lyrikreihe im Limbus Verlag auch solche Bücher hervorbringt. Aber das hängt in erster Linie von den Autorinnen und Autoren ab.

Ist Lyrik überhaupt noch interessant für die Menschen?

Wenn gute Lyrik geboten wird, dann wird das auch gerne gelesen. Ein Beispiel dafür ist etwa Wolfgang Hermanns Schatten auf dem Weg durch den Bernsteinwald, das bei Limbus erschienen ist, oder Christoph W. Bauers stromern (Haymon). Damit man zu einem Buch greift, muss es auch interessant gestaltet und ausgestattet sein. Mit der Lyrikreihe im Limbus Verlag soll genau das berücksichtigt werden. Die Bücher werden schön gemacht sein, Hardcover mit Lesebändchen. Das symbolisiert ganz klar, dass es sich hier um eine programmatische Linie und nicht um ein Nebenprodukt handelt. Gleichzeitig aber wird der Preis niedrig gehalten. Ich finde es problematisch, wenn Lyrik oft in die bibliophile, teure Ecke gedrängt wird. Das Buch ist ein demokratisches Medium, das gerade durch seine Leistbarkeit Verbreitung finden kann.

Die Reihe startet mit Stephan Eibel Erzberg …

Stephan Eibel Erzberg ist einer der besten Lyriker Österreichs. Das Besondere an ihm ist, dass er sich immer wieder neu erfindet. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Dichter. Mit ihm die Reihe zu eröffnen, ist eine starke programmatische Ansage und soll auch ermutigen. In der Reihe soll genug Offenheit sein für ganz neue Positionen, die noch unbekannt sind. Ein Dichter mit Haltung wie Stephan Eibel Erzberg hat hier auch eine gewisse Vorbildwirkung.