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Bastian Kresser erklärt seinen neuen Roman

Bastian Kresser stellt in Piet seinen Protagonisten Fabian in ein komplexes Beziehungsgeflecht, das ihm keiner erklärt, das er erst entwirren und verstehen muss – genau wie seine eigene Position in diesem Spiel. Merle Rüdisser hat den Autor zur Entstehung des Romans befragt.
Die blöde, aber naheliegende Frage gleich am Anfang: Wie viel von dir steckt in Fabian? Immerhin ist er ein junger Schriftsteller, der mit einem Roman debütiert hat und am zweiten schreiben sollte – kennst du das von dir?

Manche behaupten, dass man sich erst nach dem zweiten Roman wirklich Schriftsteller nennen darf. Dieser Meinung, diesem Druck im Hinterkopf, dem habe ich mich stellen müssen, und auch der Protagonist der Geschichte muss sich dem stellen. Aber zur Frage, wie viel von Fabian in mir steckt: Jean Paul soll einmal gesagt haben, jeder Roman sei lediglich eine veredelte Biografie. So ganz stimme ich dem nicht zu, aber bestimmte Grundzüge dessen einzuarbeiten, was man kennt, ist eine Methode, auf die viele Schriftsteller gerne zurückgreifen. Irgendwie finden – ob man es nun geplant hat oder nicht – sehr oft bekannte und manchmal auch eigene Charakterzüge ihren Weg in die Geschichte.

Deine Figuren – Fabian, Piet, die (Ex-)Freundinnen der beiden – reisen nicht nur, um etwas von der Welt gesehen zu haben. Was erhoffen sie sich vom Weitweg, vom Ganzanders?

To travel is to live – reisen bedeutet leben: das Sich-Bewegen, das Nicht-Stehenbleiben, Unbekanntes erfahren, sich fremden, schwierigen Situationen stellen – und dadurch zu wachsen. Ich denke, dass manche Menschen – im Roman Piet und seine Ex-Freundin – erst durch das Reisen in der Lage sind, sich selbst, also das, was man wirklich ist, kennenzulernen. Ob man das, was auf diesen Reisen zum Vorschein kommt, dann auch mag, das ist eine andere Frage.

Du beschreibst die Schauplätze der Handlung sehr detailliert – hast du sie alle besucht?

Da sind wir wieder beim Thema: Wie viel Autor steckt in der Geschichte? Auch in meinem Leben spielt das Reisen eine große Rolle und die meisten der Schauplätze des Romans habe ich selbst besucht und sie haben ihre Spuren hinterlassen. Doch Reisen fängt im Kopf an und so besuchen Piet und seine große Liebe auch Plätze, die mir nur durch Erzählungen und Fotos bekannt sind. Seitdem ich sie auf diese Art und Weise entdeckt habe, stehen sie aber auf meiner Liste von Orten, die ich noch sehen muss.

Ein Polizist im Roman fühlt sich schuldig für Dinge, die seine Vorfahren getan haben. Glaubst du, Schuld kann sich über Generationen übertragen? Wie weit reicht die Verantwortung eines Einzelnen über seine eigenen Taten hinaus? Und wie ist das im Fall einer psychischen Erkrankung?

Das ist eine Frage, die die Menschheit schon lange beschäftigt. Ich persönlich glaube nicht an das Prinzip der Erbsünde. Die Schuld liegt und bleibt beim ursprünglich Schuldigen. Ich denke jedoch, dass es Taten gibt, die nachfolgende Generationen belasten können – Schuld, die weitergeschoben und von den Nächsten aufgenommen werden kann –, sofern diese Nachfahren die Taten der früheren Generation nicht verarbeitet haben und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Bei psychischen Krankheiten gibt es natürlich auf der einen Seite die Genetik, die dem Einzelnen diese Entscheidung in vielen Fällen abnimmt. Doch auf der anderen Seite bin ich auch der Meinung, dass Muster – sei es eine Depression, sei es manisches Verhalten – an nahestehende Personen weitergegeben werden können. Dass es möglich ist, sich auch mit so einer Krankheit „anzustecken“.

Zum Schuldig-Sein gehört das Verzeihen. Glaubst du, Christoph kann seiner Frau wirklich verzeihen? Kann etwas überhaupt jemals wieder gut werden?

Alles, was passiert ist, ist passiert. Man kann weder Taten ungeschehen noch Gesagtes ungesagt machen. Es kommt letztendlich nur darauf an, wie man selbst mit seinem individuellen Rucksack durchs Leben geht und wie das Gegenüber darauf reagiert. Kann man verzeihen? Ja. Kann man vergessen? Ich weiß es nicht. Kann etwas jemals wieder gut werden? Ich hoffe es doch stark.

Warum hast du dich mit dem Thema „psychische Krankheit“ beschäftigt? Und wie hast du dich angenähert?

Die psychische Erkrankung des Protagonisten habe ich mir ursprünglich nicht gezielt ausgesucht. Wenn ich schreibe, bestimmen oft die Figuren selbst, wer oder was sie sind. So war es auch in diesem Fall. Ich habe während der Arbeit am Roman Piets Zustand erst entdeckt und mich Schritt für Schritt seinem Verhalten, seinen Problemen angenähert. Gleichzeitig fanden außerhalb der Geschichte natürlich auch Recherchen und Gespräche über die Thematik statt, die mir den theoretischen Hintergrund geliefert haben.

Die Figuren bestimmen also selbst, wer sie sind? Wie kann man sich das vorstellen?

Meine Geschichten entstehen meist nicht aus einer Idee oder einer fertigen Handlung heraus. Was zuerst kommt, ist die Figur, um die sich die Handlung dreht. Oft lasse ich – speziell am Anfang des Schreibprozesses – die Charaktere walten, lasse sie miteinander reden, gebe ihnen Raum, höre zu und finde heraus, was sie besonders macht. Natürlich wird vieles letztendlich gestrichen und findet nicht den Weg in den Roman, aber ich lerne die Figuren kennen. Bei Piet hatte ich – ähnlich wie der Ich-Erzähler – anfangs dieses romantisierte Bild vor Augen. Lange Zeit spielte er mir etwas vor. Irgendwann merkte ich, dass etwas nicht stimmt, dass er mir etwas verheimlicht, und ich begann mich zu fragen, wieso er sich so verhält. Plötzlich sah ich, was und wie er wirklich ist, und schlagartig war die Entwicklung des Romans völlig klar.

Fabian hört manche Geschichten aus mehreren Perspektiven, und diese Perspektiven unterscheiden sich drastisch. Gibt es eine Wahrheit, an die man sich annähern kann, oder gibt es Versionen, Wahrnehmungen der Einzelnen, die nur bedingt übereinstimmen mit den Wahrnehmungen anderer – was denkst du?

Was ist schon wahr? Selbst Lügen, oft genug erzählt und in das eigene Leben integriert, können sich plötzlich wahr und real anfühlen. Es gibt Lügen, die man gar nicht missen will, sie passen viel harmonischer ins Leben als die Wahrheit. Und selbst wenn das nicht der Fall ist, wenn man nicht lügt, wenn man versucht, Erfahrenes genau so wiederzugeben, wie es sich abgespielt hat – auch in diesem Fall müssen wir davon ausgehen, dass jeder Mensch das Produkt seiner einzigartigen Erlebnisse, seiner individuellen Erfahrungen und subjektiv wahrgenommenen Wirklichkeit ist. Wir können uns getrost von einer absoluten Wahrheit verabschieden. Eine Annäherung kann stattfinden – mehr eher nicht. Doch solange wir uns in unserer eigenen, in unserer konstruierten Wirklichkeit wohlfühlen, solange wir sie als richtig und stimmig empfinden – solange ist doch alles gut, nicht wahr?

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In Bastian Kressers zweitem Roman versucht also Jung-Autor Fabian krampfhaft einen zweiten Roman zu schreiben. Manche Autoren erzählen in ihrem Debüt die eine Geschichte, die sie erzählen wollen – ein andere haben sie nicht. Fabian sucht noch nach Geschichten, Bastian Kresser hat viele zu erzählen …